Mr. Happy das kleine Wohnmobil feiert Weihnachten

Mr. Happy das kleine Wohnmobil feiert Weihnachten

„Achtung! Er macht das Tor auf!“

Ein Raunen ging durch die bei dem Händler im Gewerbegebiet der großen Stadt abgestellten Wohnmobile. Heute war der vierte Advent und damit letzte Schautag vor Weihnachten. Vor dem Tor hatte sich bereits eine kleine Schar von Interessierten eingefunden. Die Geschäfte waren in den letzten Wochen gut gelaufen, weil viele zu Weihnachten noch  ein schickes Wohnmobil vor der Tür stehen haben wollten. Die Schar der neuen und gebrauchten Wohnmobile machte sich bereit, um sich an diesem kalten Sonntagmittag im besten Licht zu präsentieren.

Der unangefochtene Platzhirsch war Bigfoot, ein gut 10 Meter langer und 3,40 m hoher Traum vom mobilen Wohnen, der in der Heckgarage sogar einen Kleinwagen mitführte. Bigfoot richtete sich zu seiner vollen Größe und Breite auf, sodass das neben ihm stehende Wohnmobil erschrocken einen Satz zur Seite machte. Dabei streifte es fast die im Sonnenlicht silbern funklelnde Eisprinzessin, die dem aufdringlichen Nachbarn einen giftigen Blick zuwarf. Die Eisprinzessin richtete ihre beiden Scheibenwischer kokett aus und blinkte kurz einladend mit den Scheinwerfern. Sie war sich sicher, heute in ein schönes neues Zuhause mitgenommen zu werden. Schließlich  hatte ihr Eddie, der Wohnmobilhändler, gestern noch eine Wellnessbehandlung in Form von Waschen, Trocknen und Polieren gegönnt. Die Eisprinzessin strahlte und funkelte, dass die anderen geblendeten Wohnmobile sich fast genötigt fühlten, ihre Windschutzscheibenverdeckungen auszufahren. Speedy, den schnittigen blauen  Kastenwagen, hielt es kaum auf seinen neuen Allwetterreifen. Er wollte endlich los auf die Autobahn, neue Abenteuer erleben. Speedy hasste Ruhezeiten, die ihn und seinen 7G Tronic Plus Euro6 Motor lahm legten. Aber auch Speedy war sich sicher, dass das Warten endlich vorbei wäre. Denn schon öffnete ein junges, dynamisch aussehendes Ehepaar seine Aufbautür.

Die Besucher der sonntäglichen Wohnmobilschau kamen und gingen, mit ihnen viele der ungeduldig wartenden Wohnmobile. Sie alle würden Weihnachten vor einem schönen neuen Heim mit ihren geliebten Menschen verbringen. Jetzt blieb nur noch eine halbe Stunde bis zum Schließen des großen Tores, das erst in der zweiten Januarwoche wieder geöffnet werden würde. Der Platz leerte sich. Hinten, in der Ecke neben der Werkstatt stand ein kleines, betagtes Wohnmobil mit hängendem Kopf. Wieder hatte keiner der Besucher Interesse für das Alkovenmobil mit Heckküche gezeigt. Das kleine, betagte Wohnmobil schämte sich. Niemand wollte einen Camper, bei dem die ehemals wie ein blauer Sommerhimmel strahlende Lackierung zu einem verwaschenen Hellblau verblasst war. Auch die Kunststofffenster im Aufbau waren schon ein wenig blind, weil sie viel gesehen hatten, aber niemand sich in der letzten Zeit die Mühe gemacht hatte, sie liebevoll zu waschen und zu polieren. Die hintere Stoßstange war auf der linken Seite etwas eingedellt; dort, wo der frühere Besitzer einen großen Stein auf einem Parkplatz direkt am Meer übersehen hatte.

Der kleine, betagte Camper seufzte. Er wusste, dass er heute als einziges Wohnmobil auf dem Platz zurückbleiben würde. Dabei hatten er und seine Leute so viel Spaß miteinander gehabt. Mehr als 20 Jahre waren sie gemeinsam durch ganz Europa gekurvt, von Sizilien bis zum Nordkap. Der Motor des kleinen Campers hatte sie verlässlich schnurrend die Serpentinen in den Alpen hochgekämpft, hatte sich auf den Champs Elysées gegen die Pariser Luxuskarossen behauptet und war auch vor holperigen Schotterstraßen in Nordschweden nicht zurückgeschreckt. Nachts hatte der kleine Camper seine Leute im Alkovenbett sicher in den Schlaf gewiegt. Und wie herrlich seine kompakte Küche mit dem Zweiflammenherd  immer von den Wohlgenüssen, die in ihr zubereitet wurden, geduftet hatte! Bei der Erinnerung an vergangenes Glück kullerten dem kleinen, betagten Camper zwei Tränen die Scheinwerfer hinunter. Dabei hatten ihn seine Leute einst Mr. Happy genannt. Weil er ihnen so viel Freude bereitet hatte. Doch nun waren seine Leute wie er in die Jahre gekommen. Seine Leute hatten vor kurzem in ein Pflegeheim mitten in der großen Stadt umziehen müssen. Und der kleine Camper befürchtete, dass auf ihn bald nur noch die Schrottpresse warten würde. Nochmals kullerten die Tränen. Der kleine Camper schniefte verschämt.

Plötzlich kam ein Rotschopf mit Sommersprossen und einem Mund, der früher gern gelacht hatte, um die Ecke gebogen. Er hielt sein ebenso rot gelocktes Schwesterchen an den Händen, die gegen die Kälte in dicke Hosen und eine Daunenjacke eingemummelt war.

„Hier steht noch einer!“, rief der Rotschopf aufgeregt.

„Schau mal, Mama, wie schön!“, rief das kleine Mädchen und zeigte auf die große, gelbe Sonne, die auf dem Heck von Mr. Happy aufgemalt war.

Der Vater war ganz nah an den kleinen, betagten Camper herangekommen und studierte aufmerksam den im Inneren der Windschutzscheibe befestigten Aushang.

„Ist das was für uns?“, fragte die Mutter und strich sich müde über die Augen. In den letzten Wochen hatte sie aus Sorge um die Zukunft kaum Schlaf bekommen. Sie benötigte endlich wieder einen Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen konnte.

Der Vater, von dem die Kinder die roten Locken geerbt hatten, runzelte nachdenklich die Stirn. „Wenn wir noch ein bisschen handeln, könnte es klappen.“

Eine halbe Stunde erwachte der Motor von Mr. Happy hustend zum Leben, verschluckte sich einmal kurz, schnurrte dann aber wie ein Kätzchen vor dem Sahnetopf. Der Rotschopf und sein Schwesterchen saßen angeschnallt auf der Dinettenbank, Vater und Mutter im Führerhaus.

„Gute Fahrt!“, rief Eddie, der Wohnmobilhändler, und winkte dem kleinen Camper hinterher. Er war froh, die alte Kiste endlich vom Hof zu haben.

Mr. Happy das kleine Wohnmobil

Mr. Happy spürte, wie Vorfreude sich in allen Ritzen und Fugen seiner Karosse breitmachte. Wo würde die Reise mit seiner neuen Familien wohl hingehen? Ans Meer? In den Schnee? Oder hin zu südlicher Sonne? Weil er seine neuen Leute nicht enttäuschen wollte, gab er sein Bestes. Seine 4 Gänge flutschten beim Schalten wie geschmiert in die richtige Position.

Schließlich lenkte der Mann das kleine Wohnmobil von der Autobahn hinunter. Gut zwanzig Minuten fuhren sie auf immer schmaler werdenden Straßen, die sich zwischen Wiesen, Feldern und Wäldchen entlang schlängelten. Es war merklich kälter geworden und Mr. Happy pustete mit voller Kraft warme Luft in das Fahrerhaus. Derweil erklomm er den ersten Aufstieg zu einem bewaldeten Hügel, dann noch einen und noch einen, bis sie schließlich links in einen geschotterten Feldweg abbogen. Vor einem Bauernhof, wo die Kühe in den Ställen sie mit aufgeregtem Muhen begrüßten, blieben sie stehen.

Der Bauer kam in seinem grünen Overall und mit der Mistgabel in der Hand herausgelaufen.

„Ihr könnt euch hinter die Scheune stellen. Eine Steckdose gibt es innen rechts, nebem dem Scheunentor.“

Vorsichtig suchte sich Mr. Happy seinen Weg um die Stallungen, den Misthaufen und den großen Traktor herum, bis er endlich die Wiese mit der Scheune erreichte. Inzwischen fielen große, dicke Schneeflocken, die Mr. Happys Scheibenwischer mit einem Wisch-Wusch von der Windschutzscheibe entfernte. Kaum war Mr. Happy zum Stehen gekommen, da lösten die Kinder schon ihre Sicherheitsgurte und sprangen hinaus in die Schnee, um einen Schneemann zu bauen.

Der Vater schaltete die Heizung von Mr. Happy ein, sodass es in kurzer Zeit im Inneren schön mollig war. Die Mutter setzte den ein wenig verbeulten Flötenkessel aus Alu, den sie im oberen Küchenschrank gefunden hatte, für Teewasser auf den Herd.

„Hier sind wir endlich wieder unter uns“, sagte der Vater und ließ sich mit einem erleichterten Seufzen auf die Bank der Dinette fallen. Nachdem ihr Haus in einem kleinen Örtchen ganz in der Nähe vor gut 8 Wochen durch ein Feuer komplett zerstört worden war, hatten sie Unterschlupf bei Bekannten und Verwandten gefunden. Sogar in einer Pension hatten sie für ein paar Tage gewohnt. Aber da hatten die Kinder nach der Schule still sein müssen. Und die Pensionswirtin hatte die Familie immer mit einem zu einem dünnen Strich zusammengekniffenen Mund gemustert. Sie waren dort nicht gern gesehene Gäste gewesen. Aber dann hatte der Vater die Idee mit dem Wohnmobil gehabt.

Der Wasserkessel brach in fröhliches Flöten aus und bald darauf duftete es verführerisch nach Vanilletee und Weihnachtsplätzchen. Mr. Happy hätte am liebsten in eins der Kekse gebissen, aber er hielt sich zurück. Er war ja höflich und ein Gentleman.

Die Kinder waren des Tollens im Schnee müde und kamen mit rot glühenden Wangen in den Camper, wo die Mutter ihre nassen Sachen im kleinen Bad zum Trocknen aufhängte. Bald schon hallte das erste Weihnachtslied aus Mr. Happy.

„Schade, dass unser ganzer Weihnachtsschmuck verbrannt ist“, sagte die Mutter und seufze. Sie hatte ein kleines Windlicht in der Besteckschublade des Campers gefunden, das jetzt tapfer auf dem Dinettentisch leuchtete.

„Sei nicht traurig!“, erwiderte der Mann und drückte sie kurz an sich. „Wir haben doch uns. Und die Kinder. Das ist wichtiger als all das Materielle, was wir im Feuer verloren haben.“

Der Rotschopf griff nach einem weiteren Weihnachtsplätzchen und schaute sich kauend um. „Ist cool hier drin“, sagte er anerkennend. „Ein Zuhause auf Rädern.“

Das Mädchen steckte den Daumen in den Mund und kuschelte sich an ihren Vater.

Plötzlich blinzelte Mr. Happy. Er war nach der ganzen Aufregung von heute und bei der Wärme, die seine alten Knochen jetzt wohltuend umfing, ein wenig schläfrig geworden. Konnte er seinen alten Ohren trauen? Von der Hofeinfahrt hörte er das Brummen eines Motors, der wie sein eigener klang. Kurze Zeit später kam ein weißes Wohnmobil mit roten Seitenstreifen neben ihm zum Stehen.

„Schon lange hier?“, wollte das Wohnmobil mit den roten Streifen wissen.

„Seit einer guten Stunde“, erwiderter Mr. Happy.

„Ich glaube, da kommt noch einer“, bemerkte das Wohnmobil mit den roten Streifen.

Und tatsächlich kam jetzt eine kleine Prozession von neuen und alten, schnittigen integrierten oder mit Alkoven ausgestatteten Wohnmobilen den Hügel hinauf zum Stellplatz auf dem Bauernhof. Türen sprangen auf und große wie kleine Menschen sprangen in den Schnee. Die Kinder holten Schlitten aus den Heckgaragen und begannen, den kleinen Abhang am Ende der Wiese hinaufzusteigen. Hunde tobten aufgeregt im Schnee und versuchten, nach den noch immer fallenden Flocken zu schnappen. Ein Wohnmobilfahrer holte seine Gitarre aus dem Schrank und schlug die ersten Akkorde zu Jingle Bells an. Eine Frau schenkte aus einer großen Thermoskanne Glühwein aus. Ein dick mit Puderzucker überzogener Christstollen wurde aufgeschnitten und herumgereicht.

Vorsichtig näherte sich die kleine Familie aus Mr. Happy dem munteren Treiben.

„Frohe Weihnachten!“, sagte die Mutter leise, fast ein wenig scheu.

„Bleibt ihr auch über die Feiertage?“, wollte eine Frau mit einem herzlichen Lächeln wissen.

„Nein, wir werden wohl länger bleiben“, erwiderte der Vater und erzählte kurz, was ihnen widerfahren war.

„Es tut mir leid, dass wir außer Tee fast gar nichts für euch haben“, sagte die Mutter beschämt.

„Aber das macht doch nichts“, erwiderte die Frau mit der Thermoskanne und drückte der Mutter eine Tasse Glühwein in die Hand.

„Mama, schau mal, ein Weihnachtsbaum! So einen möchte ich auch haben!“, rief das kleine Mädchen mit den roten Locken und zeigte auf die künstliche Tanne mit bunten LED Lichtern, die auf der breiten Vorderablage eines vollintegrierten Wohnmobils aufgestellt war.

„Vielleicht im nächsten Jahr, wenn die Versicherung bezahlt hat“, flüsterte die Mutter ihr zu.

Die anderen Wohnmobilfahrer blickten nun zu Mr. Happy, der ganz ohne Weihnachtsschmuck an der Scheunenwand stand. Schon wieder schämte er sich, sodass seine hellblaue Lackierung noch eine Spur blasser und unscheinbarer wirkte.

„Aber das ist doch kein Problem!“, rief die Frau mit der Thermoskanne. „Wir schauen einfach alle, was wir für euch zusammentragen können.“

Nur eine halbe Stunde später war eine Lichterkette um die Dachreling von Mr. Happy geschlungen worden. Neben seiner Tür stand ein kleiner Weihnachtsbaum, den der Bauer vorbeigebracht hatte und der von den Wohnmobilfahrern liebevoll mit bunten Kugeln und Strohsternen geschmückt worden war. Vom Führerhaus her leuchtete eine Weihnachtsmannfigur. Die Griffe zu den Türen zierten große, rote Schleifen. Die Kinder hatten im Wäldchen Tannenzapfen aufgesammelt und an einer Schnur zu einer langen Girlande befestigt, die nun auf die Kühlerhaube gebunden war. Auf einem DIN-A4-Blatt, das auf die Tür zum Wohnraum geklebt worden war, stand in grünen und roten Lettern Frohe Weihnachten.

Kinder wie Erwachsene versammelten sich vor Mr. Happy und sangen unter Begleitung von Gitarrenklängen Oh Tannenbaum.

Mr. Happy strahlte über alle Vor- und Rücklichter. Seine Windschutzscheibe war von Tränen der Rührung ein wenig milchig. Die anderen Wohnmobile zwinkerten ihm wohlwollend zu. Mr. Happy war so stolz, dass er am liebsten wie die Zicklein im Stall des Bauernhofes ein paar Bocksprünge gemacht hätte. Endlich war er nicht länger mehr ein hässliches, kleines und ziemlich altes Wohnmobil, das niemand mehr haben wollte. Er hatte neue Leute, sogar mit Kindern gefunden, die ihn jetzt schon heiß und innig liebten. Er hatte wieder eine Aufgabe, eine Zukunft. Und die Hoffnung, noch einmal auf eine große, weite Reise zu gehen.

An diesem Abend des 4. Advents machte Mr. Happy seinem Namen alle Ehre. Er war das glücklichste Wohnmobil auf der ganzen Welt.

All meinen Lesern Frohe Weihnachten und einen guten, gesunden Start ins neue Jahr.

H.K. Anger

Dieser Bericht spiegelt meine Meinung und meiner Erfahrungen wider. Aus rechtlichen Gründen muss ich jedoch folgenden Hinweis hinzufügen: ~Werbung durch Empfehlung ohne Auftrag/Bezahlung.~

 

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2 Gedanken zu „Mr. Happy das kleine Wohnmobil feiert Weihnachten

  1. Eine ganz niedliche, anrührende Geschichte, vor allem für Womo-Fahrer.
    Allen eine schöne Weihnachtszeit

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