Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte

Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte

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Weihnachten ist die Zeit für große und kleine Wunder. Auch im Wohnmobil und wenn man denkt, dass man alles verloren hat … Unsere Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte widmen wir allen unseren Wohnmobilfreundinnen und -freunden. Mit den besten Wünschen für ein frohes Fest und ein gesundes, glückliches neues Jahr. Möge es für Euch ein gutes mit vielen schönen Reisegeschichten werden!

Die Annonce

Drei Briefe hatte sie als Antwort auf ihre Anzeige erhalten.
Der erste strotzte vor Rechtschreibfehlern, sodass sie ihn sofort zur Seite legte. Im zweiten lag ein Foto, das sie zur gleichen Reaktion veranlasste. Blieb noch Brief Nummer drei.
»War wahrscheinlich sowieso eine blöde Idee von mir«, murmelte Elva, während sie den perlmuttweißen Umschlag mit dem Brieföffner aufschlitzte. Als sie den Briefbogen auseinanderfaltete, stutzte sie. Die Handschrift kam ihr bekannt vor. Die Art, wie der Schreiber mit einem kühnen Querstrich die großen H teilte. Der lange schnurgerade Endstrich beim kleinen R. Die kleinen M und N wirkten wie Minimaulwurfshügel, die nach rechts kippten und sich danach in der Buchstabenlandschaft verloren. Elva runzelte die für ihr Alter erstaunlich glatte Stirn. Woran oder, besser gesagt, an wen erinnerte sie das Schriftbild? Sie drehte das Blatt um und las die Unterschrift.
»Kenne ich nicht«, musste sich Elva eingestehen. Und dennoch. Anders als bei den ersten beiden Briefeschreibern sah sie bei diesem durchaus Potential. Sie griff zu Papier und Kuli.

Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte
Photo by Carolyn V on Unsplash

Aufbruch zur allerletzten Fahrt

Vier Wochen später stand Elva neben dem Carport ihres Reihenendhauses. Ihre Wangen, ja ihre ganze Haut kribbelte, als ob ein Ameisenstaat darüber krabbelte. Und das lag nicht an der Winterkälte. Elva war nervös. Heute war der Tag der Tage. An dem sie das umsetzen würde, was sie mit ihrer Anzeige in einem der einschlägigen Reisemobilmagazine in Gang gesetzt hatte. Ein dunkelblauer Kleinwagen stoppte vor ihrem Haus und ein stattlicher Mann mühte sich in eine aufrechte Position.
Elva ging auf ihn zu. »Alex?«
»Genau der.« Alex Huber griff nach ihrer Hand und drückte sie herzlich.
Vielleicht eine Spur zu lange und zu intensiv, dachte Elva. Schließlich kannten sie sich lediglich aus Briefen und E-Mails. In denen sie ihre zukünftige geschäftliche Beziehung ausgearbeitet hatten.
Elva löste ihre Hand aus der seinen. »Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee?«
Alex Huber schüttelte den Kopf. »Von mir aus kann es gleich losgehen. Wir haben ja ein ganzes Stück Piste vor uns.«
Elva reichte ihrem Reisebegleiter ein Schlüsselbund. »Wenn Sie dann Ihre Sachen im Wohnmobil verstauen möchten? Ich habe Ihnen im Schrank zwei Fächer freigelassen. Und das Alkovenbett ist frisch bezogen.«
»Danke.« Alex strahlte wie ein Honigkuchenpferd. »Ich werde mich in luftiger Höhe sicherlich wohlfühlen.«
Woran Elva insgeheim zweifelte. Alex hatte in natura deutlich mehr Körperfülle als auf dem Foto, das er ihr geschickt hatte. Aber was soll’s, dachte sie. Sie war schließlich auch nicht mehr das Elflein von vor mehr als fünfzig Jahren.
»Sie können ja schon mal das Wohnmobil rausfahren«, sagte sie mit einem nachsichtigen Lächeln. »Ich will nur noch überprüfen, ob ich alle Fenster und Türen geschlossen habe.«
Alex lächelte zurück. Bis Elva die Haustür geöffnet und im Haus verschwunden war. In dem Moment bildeten sich auf seiner Stirn Sorgenfalten. Tiefe Sorgenfalten. Himmel, worauf hatte er sich da eingelassen?

Fragezeichen Wald
Photo by Evan Dennis on Unsplash

Böse Überraschungen

Elva rutschte unruhig auf dem Beifahrersitz hin und her. Die Finger ihrer rechten Hand hatten sich am Rand der Türablage verkrampft. Während sie mit dem rechten Auge versuchte, den dichten Feierabendverkehr zu verfolgen, wanderte das linke in Richtung ihres Fahrers. Auch der wirkte alles andere entspannt. Alex volle Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und an seinen Händen, die das Lenkrad fest umklammert hielten, zeichneten sich die Knöchel weiß ab.
Elva räusperte sich. »Alles in Ordnung?«
»Sicher, sicher«, erwiderte Alex mit einem gequälten Lächeln. »Ich muss mich nur wieder ein bisschen einfahren. Ist ja kein Kleinwagen, Ihr Wohnmobil.«
»Mein verstorbener Mann hat immer gemeint, unser Wohnmobil wäre für seine 4,2 Tonnen recht spritzig und wendig«, konnte sich Elva nicht verkneifen.
»Wahrscheinlich alles eine Frage der Gewöhnung.« Alex gab sich Mühe, Zuversicht auszustrahlen. Vorsichtshalber ging er nochmals mit der Geschwindigkeit runter und zuckelte mit knapp 60 Stundenkilometern auf der Autobahn. Mehrere Lkw brausten erbost hupend an ihm vorbei.
Elva zuckte zusammen und zog die Schultern ein. »Wie lange haben Sie denn pausiert?«, fragte sie vorsichtig.
Alex wagte es, kurz den Blick von der Fahrbahn ab und seiner Beifahrerin zuzuwenden. Dabei wurde das Wohnmobil noch einen Tick langsamer und driftete nach rechts, in Richtung auf die Leitplanke ab.
»Vorsicht!«, schrie Elva.
Alex drückte mit dem Fuß aufs Gas und zog das Fahrzeug mit einem Ruck nach links, sodass es wie ein Schiff bei einer unerwarteten Sturmböe ins Schwanken geriet. Für eine gefühlte Ewigkeit schaukelten sie zwischen der rechten und mittleren Fahrspur hin und her. Wieder prasselte ein Hupkonzert auf sie ein.
Elva wurde bleicher als die Außenlackierung ihres Wohnmobils. Es ist ein Fehler. Dieses ganze Unternehmen ist ein einziger großer Fehler, dachte sie und fing still an zu beten.
»Tut mir leid! Meine Ungeschicklichkeit.« Alex blickte zerknirscht zu ihr hinüber.
»Sie hätten uns fast umgebracht!«, brachte Elva keuchend hervor.
»Wird nicht wieder vorkommen.«
»Ich bitte doch darum!«, erwiderte Elva mit bebenden Lippen und hielt den Blick starr geradeaus gerichtet. Noch gut zweihundert Kilometer bis zum ersten Etappenziel. Aus dem Radio ertönte ›Last Christmas‹. Elva hoffte, dass dies kein schlechtes Omen wäre. Dieses Weihnachten sollte zwar ihr letztes Weihnachten im Wohnmobil, aber nicht hier auf Erden werden.

Alles andere als Weihnachtsstimmung

Der Stellplatz an der Stadtmauer war gut besucht. Nur ganz hinten gab es ein einziges freies Plätzchen. Alex benötigte mehr als zehn Versuche, bis er das Wohnmobil mit der Schnauze nach vorn in die Lücke bugsiert hatte. Elva hoffte, dass sich alle anderen hier versammelten Wohnmobilisten als Frühaufsteher entpuppen und am kommenden Morgen vor ihnen aufbrechen würden. Wie sollten sie sonst ihren Übernachtungsplatz, ohne Kollateralschaden beim Ausparken anzurichten, verlassen?
Alex zwängte sich durch die Engstelle zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, wobei er sich den Kopf am unteren Alkovenabschluss stieß.
»Gehen wir essen oder soll ich was für uns kochen?«, fragte er, während er sich den schmerzenden Körperteil rieb.
»Ich hab keinen Hunger«, erwiderte Elva schmallippig. »Ich gehe jetzt ins Bad und dann ins Bett.«
Alex Lächeln erstarb. So hatte er sich ihren ersten gemeinsamen Abend nach mehr als fünf Jahrzehnten nicht vorgestellt. »Ist das dein Ernst?«, rutschte es ihm heraus.
»Wenn ich mich recht erinnere, sind wir noch beim Sie«, konterte Elva und schloss die Tür zum Bad und anschließenden Schlafbereich hinter sich.
An diesem Abend sprachen sie kein Wort mehr miteinander. Während Alex sich mit einem in der Altstadt lieblos zusammengestopften Döner über den Verlauf ihres ersten Reisetages hinwegtröstete, weinte Elva bittere Tränen in ihr Kissen. Und verfluchte gleichzeitig ihre eigene Feigheit.

Trauer
Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

Elvas Entscheidung

Nach einer für beide schlaflosen Nacht saßen sie um kurz nach acht am Wohnmobiltisch und starrten stumm in den starken Kaffee, den Elva zubereitet hatte.
»Ich hab lange überlegt,« brach Alex das Schweigen, »und bin zu einer Entscheidung gekommen.«
Elva blickte auf. »Ich auch.«
Alex spürte, wie ein kurzer scharfer Schmerz der Enttäuschung seine Brust durchfuhr. Gleichzeitig war er erleichtert. Er hätte von Anfang an die Wahrheit sagen müssen. Lügen haben bekanntlich kurze Beine. Oder, auf ihre Situation bezogen, verdammt wacklige Reifen.
»Gut.« Alex stand auf und goss denn Rest seines Kaffees, der ihm bitter wie sein eigenes Versagen auf der Zunge lag, in den Ausguss des Spülbeckens.
»Wir setzen die Reise fort.« Elva erhob sich ebenfalls von ihrem Platz.
Alex schaute sie verwirrt an. »Aber warum? Es ist doch offensichtlich, dass alles ein riesengroßer Irrtum ist. Wollen wir dem Ganzen nicht besser hier und jetzt ein Ende bereiten? Außerdem ist heute Weihnachten.«
»Eben!« Elva war entschlossen wie nie. »Wir fahren in die Vogesen. Ich werde mein Versprechen nicht brechen.«
»Welches Versprechen?« Alex schaute sie verwundert an.
Elva blieb ihm die Antwort schuldig.

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Photo by Aaron Burden on Unsplash

Auf in die Vogesen!

An ihrem zweiten Reisetag lief es ein wenig besser. Obwohl sich Alex bis auf die Knochen blamierte, weil er den Inhalt der Kassette ihrer Campingtoilette im Abfluss für das Grauwasser hatte entsorgen wollen. Elva hatte im letzten Moment eingreifen können.
»Jahrelange Campingerfahrung. Schon im Steilwandzelt groß geworden?«, zischte sie ihm zu.
Alex zog es vor zu schweigen. Was hätte er zu seiner Verteidigung auch sagen sollen? Dass er in Sachen Camping völlig naiv und unwissend war, merkte selbst ein Blinder mit Krückstock.
Zum Glück bekam er im Laufe der nächsten Kilometer ein besseres Gefühl für das große Fahrzeug. Er fühlte sich sogar so entspannt, dass er es wagte, im Radio einen Sender zu suchen, der seine Lieblingsweihnachtslieder spielte. Nach dem Passieren der deutsch-französischen Grenze bestand Elva darauf, sich mit französischem Proviant einzudecken. Auch wenn nichts mehr war wie früher, wollte sie auf den Luxus nicht verzichten. Während Elva die Gänge des Supermarché nach ihren Lieblingsspeisen absuchte, blieb Alex im Wagen und checkte seine WhatsApp Nachrichten.
»Wie läuft es?«, wollte seine Tochter wissen.
»Mehr als holperig?«, schrieb er zurück.
»Du schaffst das!«, versicherte ihm seine Tochter. »Denk daran, wie lange du schon gewartet hast.«
Viel zu lange, dachte Alex. Und inzwischen lief ihnen beide die Lebenszeit schneller als je zuvor durch die von den ersten Altersflecken bedeckten Hände.
»Toi, toi, toi. Und frohe Weihnachten, Paps!«, verabschiedete sich seine Tochter.
»Dir auch. Hab dich lieb«, antwortete er und fühlte sich plötzlich optimistischer. Sein Plan würde, musste aufgehen. Schließlich konnte es kein Zufall sein, dass das Schicksal ihm »seine« Elva so plötzlich wieder zurückgebracht hatte.

Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte
Photo by Les Anderson on Unsplash

Und plötzlich war es eine weiße Weihnacht

»Es fängt an zu schneien«, bemerkte Elva, als sie Niederbronn-les-Bains hinter sich gelassen hatten und dunkle Fichten und Tannen die Straße säumten.
»Haben Sie Schneeketten dabei?«, wollte Alex besorgt wissen.
»Nein, aber Jürgen hat immer darauf geachtet, dass wir mit Allwetterreifen unterwegs sind. Solange der Schnee nicht zentimeterdick auf der Straße liegt, kommen wir durch.«
»Hm.« Alex blickte skeptisch in den wolkenverhangenen Himmel, aus dem Schneeflocken dick wie Wattebäusche fielen. Der dunkle Straßenasphalt war mit weißen Punkten übersprenkelt, die immer größer wurden und sich an einigen Stellen bereits flächig verbanden.
»I’m dreaming of a White Christmas«, klang es aus dem Radio. Eines von Alex’ Lieblingsweihnachtsliedern. Dem er momentan so überhaupt nichts abgewinnen konnte. Er schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Stufe und drosselte die Geschwindigkeit. Diesmal konnte er kein Hupen vernehmen. Sie waren allein auf der Straße. Mutterseelenallein.
Elva fröstelte und wünschte, sie hätte ihre flauschige Strickjacke über den Pullover gezogen. Der Himmel öffnete alle Weihnachtspforten und ließ Schnee als dicken weißen Vorhang zu ihnen hinabfallen. Dazu war Wind aufgekommen. Alex kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Wo war noch geteerte Straße und wo begann der unbefestigte Seitenstreifen? Die Reifen hatten immer mehr Mühe, auf der glatten Oberfläche Halt zu finden. Als die Straße nach einer scharfen Rechtsbiegung mit mehr als fünf Prozent Gefälle abfiel, drückte Alex auf das Bremspedal. Das Wohnmobil reagierte nicht, und sie wurden wie ein führerloser Schlitten vorwärtskatapultiert. Alex brach der Schweiß auf der Stirn aus. Erst der rüde Einsatz der Motorbremse und die Tatsache, dass die Straße nach der Senke anstieg, brachten das Wohnmobil wieder unter Kontrolle.
»Ich glaube, wir schaffen es nicht bis in dieses Bitche«, brachte Alex zwischen zusammengepressten Lippen hervor.
»Aber ich habe es versprochen!« Elva war den Tränen nahe.
»Willst du etwa, dass wir an Heiligabend im Straßengraben landen?«, blaffte Alex sie an. Trotz aller guten Vorsätze lagen seine Nerven blank.
»Ich will da landen, wo ich mit Jürgen den letzten Heiligabend verbracht habe«, murmelte Elva. Ihre Unterlippe zitterte verräterisch.
Die Vorderreifen drehten erneut durch. Alex erblickte ein blaues Schild mit weißem Buchstaben am Straßenrand.
»Da ist ein Parkplatz!«, rief er und bugsierte das Fahrzeug vorsichtig von der Straße in den Parkbereich.
»Aber hier können wir doch nicht bleiben!«, empörte sich Elva.
»Ich schätze, dass Petrus uns keine andere Wahl lässt«, erwiderte Alex und brachte das Wohnmobil zum Stehen. Keine zwei Minuten später war die Frontscheibe von einer Schneeschicht bedeckt. Dunkelheit war hereingebrochen. Und im Wald war es still. So still, dass Elva ihren eigenen Herzschlag hören konnte.

Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte
Foto dankend von der Fa. Dethleffs erhalten

Stopp mitten im Winterwald

Alex rieb sich fröstelnd mit den Händen die Unterarme. »Wir müssen bis morgen früh abwarten und hoffen, dass wir bei Tageslicht heile herauskommen. Vielleicht war der Schneepflug bis dahin schon da.«
Elvas Augen füllten sich mit Tränen.
»Kannst du bitte die Heizung einschalten?«, bat Alex.
Mit zitternden Händen kam Elva seiner Bitte nach.
Alex versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren. »Haben wir genug Gas für die Heizung? Und Wasser?«
Elva nickte.
»Und was ist mit dem Strom, ich meine dem Licht? Reicht auch das bis morgen?«
»Ich hab das Wohnmobil vor der Abreise an den Strom angeschlossen. Und danach sind wir ja gefahren. Die Fahrzeugbatterie sowie die beiden Aufbaubatterien sollten also voll sein. Außerdem haben wir ein Solarpanel auf dem Dach. Was wir bei dem Wetter allerdings vergessen können.« Elva seufzte.
»Gut.« Alex klang erleichtert. »Hört sich an, als wären wir für unser kleines Winterabenteuer bestens ausgerüstet.«
»Aber es geht doch gar nicht um ein Abenteuer!« In Elvas Stimme schwang Verzweiflung mit.
»Worum geht es dann?« Alex blickte ihr in die Augen. »In deinen Briefen hast du nur erwähnt, dass du einen Fahrer brauchst, der dich zu Weihnachten in die Nordvogesen bringt. Die Gründe dafür hast du mir nie genannt. Auch nicht, warum du dich nicht einfach selbst hinter das Steuer setzt und losfährst.«
»Aber ich kann doch nicht!«, brach es aus Elva heraus.
»Was nicht?«, wunderte sich Alex.
»Mit dem Wohnmobil fahren!«
»Aber du und dein Mann, ihr ward einige Jahre damit unterwegs. Warum kannst du dann nicht fahren?«
»Ich hatte einen Unfall«, murmelte Elva.
»Mit dem Wohnmobil?«
»Nein, mit meinem Auto. Ich war noch Nichtmals schuld. So ein Idiot hat mir die Vorfahrt genommen. Aber mein Auto war Schrott. Und seitdem …«
Alex warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. »Und seitdem hast du Angst beim Fahren?«
»Ich traue mich gar nicht mehr, zu fahren«, gestand Elva. »Ohne Jürgen ist sowieso vieles anders. Da hab ich bei manchen Dingen den Mut verloren.« Eine Träne kullerte ihr die rechte Wange hinunter. Elva wischte sie mit dem Handrücken weg. »Tschuldigung«, murmelte sie.
Alex öffnete den Küchenoberschrank. »Habe ich nicht gestern Abend hier eine Flasche Cognac gesehen?«
»Im unteren Schrank. Neben dem Kühlschrank«, erwiderte Elva.
Alex holte die Flasche hervor und fand auch zwei Gläser, in die er jeweils einen ordentlich Schuss Cognac gab. Dann bugsierte er Elva sanft auf die Sitzbank der Dinette und reicht ihr das Glas. »Trink einen Schluck! Das wird dir nach der ganzen Aufregung guttun. Und dann erzählst du mir, was wirklich los ist.«

Nichts ist mehr wie früher

Elva nahm einen Schluck vom Alkohol, der ihr in der Kehle brannte, sie aber nach ein paar Sekunden mit Wärme erfüllte. Sie holte tief Luft. »Weißt du«, begann sie und bemerkte nicht, dass sie ebenfalls zum vertrauten ›Du‹ übergegangen war.
»Jürgen und ich, wir hatten noch so viele Pläne. Sobald wir das Rentenalter erreicht hätten, wollten wir mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Endlich mal ohne Zeitdruck reisen. Dort bleiben, wo es uns gefällt. Erst weiterfahren, wenn wir uns an einem Ort sattgesehen hatten. Den Sommer wollten wir im Norden, den Winter im Süden verbringen. Dann ging Jürgen, ohne sich dabei etwas zu denken, zu dieser Vorsorgeuntersuchung. Wie jedes Jahr Anfang März. Innerhalb von drei Tagen war bei uns nichts mehr wie früher.«
Alex blickte sie mitleidig an. »Krebs?«
Elva nickte. »Bauchspeicheldrüsenkrebs im vierten, also finalen Stadium. Ohne dass wir, von Jürgens Rückenschmerzen abgesehen, etwas an Symptomen bemerkt hätten. Nach der Diagnose blieben uns noch 12 kurze Wochen.«
Alex griff nach Elvas Hand und drückte sie mitfühlend. Er stellte fest, dass sich das Gefühl von Elvas Hand in der seinigen nicht verändert hatte. Auch nach mehr als 50 Jahren fühlte es sich noch immer gut und richtig an. »Ich weiß, dass diese Worte in solchen Situationen immer hohl klingen. Aber es tut mir aufrichtig leid.«
Elva nahm einen Schluck vom Cognac. »In den letzten Monaten musste ich mein Leben neu ordnen. Von vielem Vertrautem Abschied nehmen. Das Haus möchte ich behalten. Aber das Wohnmobil, das will ich verkaufen. Jetzt, wo ich im Alltag sowieso auf Busse und Bahnen umgestiegen bin«, fügte sie mit einem wässrigen Lächeln hinzu.
»Und warum diese letzte Fahrt?«, wollte Alex wissen.
»Jürgen und ich, wir hatten uns im letzten Jahr spontan entschlossen, Weihnachten und Silvester im Wohnmobil zu verbringen. Der Gedanke kam uns erst am 23. Dezember. Da haben wir einfach ein paar Klamotten und Lebensmittel ins Wohnmobil geladen und sind losgefahren. Den Stellplatz in Bitche unterhalb der Zitadelle kannten wir vom Sommer. Bis dahin konnten wir es in der Kürze der Zeit schaffen. An Heiligabend standen wir, dick eingemummelt, oben auf den Befestigungsanlagen und haben den Kirchenglocken gelauscht. Danach haben wir im Wohnmobil Raclette gegessen und dazu guten französischen Rotwein getrunken. Voller Zuversicht sind wir abends ins Bett gekrochen. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es unser letztes gemeinsames Weihnachtsfest sein würde.«
»Und jetzt willst du noch einmal auf den Befestigungsanlagen stehen …«, sagte Alex.
»Noch einmal dem Klang der Kirchenglocken lauschen und Jürgen einen Gruß in den Himmel schicken«, vervollständigte Elva den Satz. »Dieses Versprechen habe ich Jürgen kurz vor seinem Tod gegeben. Er wollte unbedingt, dass ich auch alleine mit dem Wohnmobil auf Reisen gehe.«
»Wäre doch schön für dich«, meinte Alex.
»Nein.« Elva schüttelte den Kopf. »Das ist für mich vorbei. Ohne Jürgen ist es nicht mehr das Gleiche. Außerdem traue ich mich nicht, allein unterwegs zu sein.«, fügte sie leise hinzu. »Nach unserer Rückkehr werde ich das Wohnmobil in den entsprechenden Verkaufsplattformen inserieren.«
»Aber bevor es so weit ist, brauchtest du für die letzte Reise einen Fahrer«, stellte Alex fest.
»Ja.«
»Deshalb die Annonce.«
»Richtig.«

White Christmas
Photo by Donna Godsell on Unsplash

Fremd und doch vertraut

Alex ließ sein Glas zwischen den Fingern kreisen. Schwieg. Schaute in die schneeverhangene Dunkelheit. Schließlich räusperte er sich. »Du hast keine Ahnung, wer ich bin, nicht wahr?«
Elvas Kopf ruckte hoch. »Der Fahrer, den ich für diese letzte Wohnmobiltour engagiert habe.«
Alex lachte bitter auf. »Einen tollen Fahrer hast du dir da angelacht! Ich hab bis gestern noch nie in einem Wohnmobil gesessen. Geschweige denn, dass ich damit gefahren bin.«
»Das habe ich nach den ersten Kilometern vermutet«, erwiderte Elva. »Aber warum hast du dich darauf eingelassen? Brauchst du das Geld?«
»Geld!« Alex verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »An Geld habe ich dabei überhaupt nicht gedacht. Nein, ich hatte andere Gründe.« Alex sprang auf und eilte zum Kleiderschrank, wo er seine Reisetasche verstaut hatte.
»Ich hab was für dich«, sagte er und reichte Elva ein in Weihnachtspapier gehülltes Päckchen.
»Für mich?«, fragte Elva, halb verlegen und halb verwundert.
»Mach es auf!«, drängte Alex. »Schließlich ist heute Heiligabend.«

Ein Ring mit Erinnerungen

Elva zögerte. Dann gab sie sich einen Ruck, entfernte die rote Schleife und das grüne Papier. Ein weißes quadratisches Schmuckkästchen kam zum Vorschein.
»Schmuck, für mich? Aber wir kennen uns doch überhaupt nicht.« Elvas Wangen überzog eine feine Röte.
»Da irrst du dich«, widersprach ihr Alex leise.
Elva öffnete das Schmuckkästchen und erstarrte. Zwei, drei Minuten, die Alex wie Stunden vorkamen, sagte Elva nichts. Schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Woher hast du den Ring?«, wollte sie schließlich mit brüchiger Stimme wissen.
»Wo du ihn auch her hast«, erwiderte Alex. »Aus dem Kaugummiautomaten am Büdchen.«
»Das kann nicht sein!« Elva betrachtete den aus Messing gefertigten Ring. Strich mit dem Zeigefinger über den winzigen roten Glückskäfer mit den schwarzen Tupfen. Billiger Tand, schon damals Massenware und doch für sie unendlich wertvoll. Der gleiche Ring lag zu Hause in der Schublade mit ihren Halstüchern und Schals. Sie hatte ihn Jürgen nie gezeigt.
»Bist du es tatsächlich?« Elva schaute Alex an, als ob ihr ein Geist erschienen wäre. Konnte das der schlaksige Junge mit den sanften braunen Augen und dem dunkelblonden Lockenkopf sein? Mit dem sie bis zu dem Tag, an dem sie so unvermutet auseinandergerissen wurden, tagein, tagaus Abenteuer erlebt und Pläne für die Zukunft geschmiedet hatte? Der so lange sein Taschengeld aufgespart hatte, bis er endlich den Kaugummiautomaten plündern konnte? Damit sie beide den gleichen Ring trugen. Ihren ›Glücks- und Verlobungsring‹ wollte er ihr an den Finger stecken. Doch dazu war es nicht mehr gekommen. Elva tastete nach ihrem goldenen Ehering und drehte ihn im Kreis. Sie unterdrückte den plötzlichen Impuls, den Ring vom Finger zu ziehen.
»Aber damals hießt du Karsten. Karsten Oppert«, wandte Elva ein.
»Karsten Hubert Alexander Oppert«, stellte Alex richtig. »Alexander war mein Großvater mütterlicherseits, den du nie kennengelernt hast. Nach der Scheidung habe ich wegen des Geschäftes den Namen meiner Frau behalten.«
»Nein so was! Karsten, mein Karsten aus Recklinghausen!«, Elva wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
»Von jetzt an kannst du ruhig wieder meinen richtigen Namen benutzen«, schlug Alex alias Karsten vor.
Elva musterte ihn nachdenklich. Der schlaksige Junge von damals hatte sich in einen hochgewachsenen fülligen Mann verwandelt. Von den dunkelblonden Locken war nur ein hellgrauer kurz geschnittener Kranz auf dem Oberkopf geblieben. Den linken Zeigefinger überzog eine langgestreckte, inzwischen verblasste Narbe. Die braunen Augen wirkten etwas müde, strahlten aber immer noch Herzlichkeit aus. In ihnen fand Elva das wieder, was sie mehr als 50 Jahre vermisst hatte. Aber durfte sie sich, so kurz nach Jürgens Tod, auf diese Gefühle einlassen? Verriet sie damit nicht ihr Eheversprechen und die vielen gemeinsamen Jahre?
»Lebe weiter! Auch wenn ich gegangen bin!«, hatte Jürgen sie nach der Krebsdiagnose gedrängt. »Lebe, liebe, lache! So lange du kannst und bis zum allerletzten Moment.«

Weihnachtskugel Glas
Photo by Aaron Burden on Unsplash

Wiedersehen nach 50 Jahren

Elva atmete tief durch. »Ich hab dich so vermisst, Karsten!«
Karsten nahm ihre Hand und streichelte die Handinnenfläche zärtlich mit dem Daumen. »Als das Jugendamt mich an diesem Morgen weggeholt hat, habe ich geglaubt, sterben zu müssen. Ich hab immer wieder geschrien, dass ich dich noch unbedingt sehen, dir alles erklären muss. Aber sie haben mich in ein Auto gepackt und sind mit mir weggefahren. Nach ein paar Tagen im Jugendheim bin ich in eine Pflegefamilie gekommen. Im hintersten Oberbayern, nahe der österreichischen Grenze.«
»Daher der leichte Akzent, das rollende R.« Elva lächelte.
»In den ersten drei Monaten bin ich viermal abgehauen«, erinnerte sich Karsten. »Ich wollte zurück nach Recklinghausen, zurück zu dir. Aber sie haben mich jedes Mal wieder eingefangen. Briefe durfte ich bis nach der Verhandlung auch nicht schreiben. Sie wollten, dass ich alles hinter mir lasse und ganz von vorn anfange. Irgendwann habe ich dann resigniert und mich in meinem neuen Leben eingerichtet. Bis Susanne dich in dieser Facebookgruppe für Trauernde entdeckt hat.«
»Wer ist Susanne?«
»Meine Tochter. Sie hat vor einem Vierteljahr ihre Schwiegermutter verloren, die sie mehr als ihre eigene Mutter geliebt hat. In der Gruppe hat sie sich Trost und Unterstützung erhofft.«
»Aber woher kannte sie meinen Namen?«
»Ich hatte ihr vor ein paar Monaten, nach einem guten Glas Wein zu viel, von dir erzählt. Und dann tauchte in dieser Trauergruppe eine Elva auf. Der Name allein ist ja schon ungewöhnlich. Diese Elva aus Gießen hatte außerdem angegeben, in Recklinghausen geboren und auf die Gebrüder-Grimm-Schule gegangen zu sein. Das Alter passte auch. Da musste ich kein Sherlock Holmes sein, um mir alles zusammenzureimen.«
»Ich wusste doch, dass man sich mit Facebook durchsichtig macht«, murmelte Elva. Aber es klang nicht böse. Ganz im Gegenteil.
»Ich habe in Passau alles stehen und liegen gelassen. Um zu sehen, ob du wirklich meine Elva von früher bist. Die Küche meines Restaurants führt derweil mein Schwiegersohn.«
»Aber warum hast du dich als Campingfreund und versierter Wohnmobilfahrer ausgegeben?«, wollte Elva wissen.
Karsten seufzte. »Ob du es glaubst oder nicht: Ich hab mehrmals vor deiner Haustür gestanden. Und bin, ohne zu klingeln, wieder von dannen gezogen. Ich dachte, wenn ich jetzt, nach 50 Jahren, ohne Vorwarnung vor dir stehe, schickst du mich eh zum Teufel. Ich wollte es eher auf die sanfte Tour versuchen. Und dann war da deine gesprächige Nachbarin.«
Elva stöhnte auf. »Frau Linnemann!«
Karsten grinste. »Genau die. Die hat mir von deiner Annonce berichtet. Der Rest war ein Kinderspiel.«

Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte
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Das Weihnachtswunder im Wohnmobil

»Und nun sitzen wir hier. In diesem Wohnmobil. Nach mehr als 50 Jahren.« Aus Elvas Stimme klang Verwunderung.
»Der Weihnachtsmann, oder wer auch immer da oben zuständig ist, hat mir meinen Herzenswunsch erfüllt.« In Karstens braunen Augen glänzten Tränen.
Elva führte die Hand, die noch immer die ihre hielt, an ihre Wange. »Dieses Weihnachten sollte ein Abschied sein. Und das ist es auch. Und trotzdem ist es ein Anfang.«
Karsten löste sanft seine Hand und griff nach dem Ring. »Auf den Moment habe ich Jahrzehnte gewartet.« Mit diesen Worten streifte er den Glückkäferring auf Elvas linken Ringfinger.
Elva schluckte schwer, um die aufsteigenden Tränen zu bannen.
»Mein liebste Elva, meine Gefährtin, Vertraute und innigste Freundin aus Kindertagen. Wollen wir gemeinsam das nachholen, was uns damals nicht vergönnt war?«
Elva nickte, weil sie zu Worten nicht fähig war.
»Auch wenn wir wegen unserer alten Knochen nicht mehr auf Bäume klettern oder von der Schaukel springen können?«, fügte Karsten mit einem Grinsen hinzu.
»Ich glaube, meine alten Knochen bekommen gerade wieder neuen Schwung.« Elva hatte ihre Stimme wiedergefunden.
»Und morgen schauen wir zu, dass du nach Bitche kommst«, versprach ihr Karsten.
»Hast du noch ein paar Tage Zeit?«, wollte Elva wissen.
»Diesmal habe ich alle Zeit der Welt«, erwiderte Karsten.
»Dann können wir unsere Weihnachtstour ja ein bisschen verlängern. So bis mindestens Neujahr. Und vielleicht überlege ich mir das mit dem Verkauf des Wohnmobils ja noch einmal. Schließlich habe ich jetzt einen Fahrer!«
Karsten lachte auf. »Ich glaube, ich schlage mich am Herd besser als auf dem Fahrersitz. Hast du nicht diese ganzen französischen Weihnachtsleckerein gekauft?«
»Im Kühlschrank sind sogar Jakobsmuscheln«, erwiderte Elva.
»Ich koche dir jetzt das beste Weihnachtsmenü, dass du jemals auf vier Rädern gegessen hast«, versprach Karsten.
»Aber vorher stoßen wir an!«, sagte Elva und stellte eine Flasche Champagner auf den Tisch.

Weihnachtsmann Kugel
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»Einen Moment!« Karsten schnappte sich die Salatschüssel, riss die Wohnmobiltür auf und war in der eisigen Dunkelheit verschwunden.
Elva betrachtete glückselig den kleinen Ring aus dem Kaugummiautomaten an ihrem Finger. Schließlich flog die Wohnmobiltür erneut auf. Mit der dicken Schneeschicht auf dem Kopf und den Schultern gab Karsten einen passablen Weihnachtsmann ab. In der rechten Hand hielt er ein paar Tannenzweige, die Salatschüssel war mit Schnee als Kühlung für den Champagner gefüllt.
»Frohe Weihnachten, meine Liebste«, sagte Karsten.
»Frohe Weihnachten«, erwiderte Elva. Ihr Gesicht strahlte wie lange nicht mehr. Mit ihrer Annonce hatte sie, ohne es zu ahnen, eine Wohnmobil-Weihnachtstour in neues Glück gebucht.

Herzlichen Dank an die Firma Dethleffs, die uns Winterfotos zur Verfügung gestellt hat, von denen auch das Titelfoto für diesen Beitrag stammt. Die anderen Fotos haben wir von Pixabay und Unsplash ausgeliehen. (*Unbezahlte Werbung durch Namensnennungen*)

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3 thoughts on “Eine Wohnmobil-Weihnachtsgeschichte

  1. Hallo Bianka, Es freut mich, dass Dir die Geschichte ein paar schöne Lesemomente verschafft hat. Wünsche Dir ein gutes, gesundes und fröhliches 2020. LG aus dem Odenwald.

  2. Hallo Heike, vielen Dank für diese zauberhafte Geschichte, auf die ich durch den Newsletter vom Caravan Salon Club gekommen bin. Sie hat mir sehr gefallen.

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