Ein Wohnmobil Weihnachtskrimi

Ein Wohnmobil Weihnachtskrimi

Tod auf dem Stellplatz

»Der Hund muss raus!« Mit steifen Beinen erhob sich Gabi von der Sitzbank ihres Wohnmobils.
»Och komm! Ein Spielchen machen wir noch!« Udo steckte beim Rommé in einer Gewinnsträhne. Außerdem schmeckte das Weihnachtsbier, das Gabi und Peter spendierten, besser als das Pilsner, das seine Holde vom Discounter mitgebracht hatte.
»Prösterchen! Ein Schlückchen auf Heiligabend!« Kerstin hob ihr Sektglas. Ihre Wangen glänzten rot wie Nikolausäpfelchen. Was einerseits der bullernden Heizung im Wohnmobil als auch einem Abend mit ausgiebigen ›Schlückchen‹ geschuldet war.
Gabi griff nach der Hundeleine. »Los Fridolin! Gassigehen!«
Der Dackel warf ihr aus seinem Körbchen, das zwischen Fahrer- und Beifahrersitz stand, einen vorwurfsvollen Blick zu. Der Nieselregen, der pünktlich zur Bescherung eingesetzt hatte, ließ die große Frontscheibe milchig erscheinen. Wind war von See her aufgekommen. Kein Wetter, um einen Hund vor die Tür zu schicken.

Wohnmobil-Weihnachtskrimi

Gabi ignorierte den stummen Tadel und klemmte sich den Dackel kurzerhand unter den Arm. Draußen setzte sie den Hund auf dem nassen Pflaster ab und schlug die Kapuze ihrer Jacke hoch. Auf dem kleinen Wohnmobilstellplatz direkt hinter dem Deich waren im Laufe des Tages 12 Wohnmobile eingetroffen. Zwei mehr wie für das Stellplatzgelände vorgesehen. Was soll’s, dachte Gabi. Es war schließlich Weihnachten. Da rückte man gern zusammen. Fridolin, der am Parkplatzschild das Beinchen gehoben hatte, machte auf der Stelle kehrt, um in sein gemütliches Körbchen zurückzukehren.
»Nix da!« Gabi gebot dem Fluchtversuch des Dackels Einhalt. Nach dem üppigen Racletteessen, dem Bier und dem stundenlangen Stillsitzen auf dem Allerwertesten benötigte sie frische Luft. Und einen Moment für sich. Sie zog den beleidigten Hund hinter sich her, um sich an der Rückseite des Toilettenhäuschens, im Windschatten, eine Zigarette anzuzünden. Neben dem Toilettenhäuschen stand eine Sitzbank. Extra für die Herren der Schöpfung aufgestellt, wie Peter und Udo behaupteten. Damit sie sich beim Warten auf ihre besseren Hälften nicht die Füße plattstanden. Gabi zog eine Grimasse. Was für ein Blödsinn! Dann stutzte sie. Schloss einmal die Augen und schlug sie wieder auf. Der Anblick, der sich ihr bot, hatte sich nicht verändert. Auf der Bank saß ein Mann in einem roten, knielangen Mantel, roter Mütze und weißem Rauschebart.

Wohnmobil-Weihnachtskrimi

»Hallo Herr Weihnachtsmann!«, sagte Gabi grinsend.
Der Weihnachtsmann schwieg.
»Hast du auch eine kleine Pause vom Weihnachtstrubel nötig?«, versuchte es Gabi noch einmal. Erneut blieb ihr der Weihnachtsmann eine Antwort schuldig.
Gabi zuckte mit den Schultern. Dann halt nicht, dachte sie und wandte sich ab. Sie brauchte dringend eine Dosis Nikotin. Da bemerkte sie das Blut. Das den unteren Teil des Bartes Rot färbte und auf dem leuchtend roten Mantel einen dunkelroten, fast schwarzen Fleck hinterlassen hatte. Gabi stieß einen Schrei aus. Die Hundeleine rutschte ihr aus der Hand und der Dackel spurtete los. In einem der Wohnmobile wurde das Radio auf volle Lautstärke aufgedreht.
»Last Christmas …«, schallte es über den Platz. Mit zitternden Händen fischte Gabi ihr Handy aus der Jackentasche.

Dorfpolizist Hauke Bruhns breitete die Serviette mit dem Tannenmuster auf seinem Schoss aus. Weil die Bescherung im Altersheim in Emden, wo seine Schwiegermutter untergebracht war, länger als vorgesehen gedauert hatte, hing ihm der Magen in den Kniekehlen. Ein bisschen Hunger als Vorfreude schadet nicht, tröstete er sich. Seine Inka hatte Snirtjebraten (Ostfriesischer Schweinebraten) mit Rotkohl, Gewürzgurken, Roter Beete und Salzkartoffeln zum Fest zubereitet. Haukes absolute Lieblingsspeise. Als Inka ihm seinen üppig beladenen Teller reichte, strahlten seine Augen. Heller als die Lichter am Christbaum, die Inka vor dem Essen eingeschaltet hatte. Genüsslich ließ sich Hauke ein Stück Braten auf der Zunge zergehen. In dem Moment klingelte das Telefon.
»Nicht jetzt!«, stöhnte Hauke auf.
»Und wenn wir einfach tun, als ob wir nicht da wären?«, flüsterte Inka.
Hauke schaute sehnsüchtig auf seine mit goldbrauner Soße bedeckte Bratenscheibe. Das Telefon schrillte beharrlich weiter.

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Seufzend schob Hauke seinen Stuhl nach hinten und stand auf. Auf den selbstgestrickten Socken, die Inka ihm zur Bescherung überreicht hatte, stapfte er in den Flur, wo das Telefon stand. Nachdem er sich den Hörer an sein rechtes Ohr geklemmt hatte, verlor sein joviales Gesicht alle Fröhlichkeit.
»Ich muss los. Ein Notfall.« Hauke schlüpfte in die Stiefel und schwarze Jacke.
»Soll ich dir das Essen im Ofen warmhalten?« Inka schaute ihn mitfühlend an.
»Nicht nötig«, brummte Hauke und rückte seine Dienstmütze auf dem Kopf zurecht. Er sah eine lange Heilige Nacht auf sich zukommen. Seine Fingerspitzen berührten bereits die Schlüssel des Dienstwagens, da fielen Hauke die drei Tassen Tee mit Rum und Kluntje ein, die er beim Warten auf das Abendessen getrunken hatte. Mit einem lauten Seufzen stapfte Hauke in den Schuppen, wo sein altes Hollandfahrrad stand. Der Sattel drückte ihm unbequem in fleischige Weichteile und Hauke war schon vor der Abbiegung zum Fahrradweg, der unterhalb des Deiches entlangführte, außer Puste. Der Wind blies ihm scharf ins Gesicht und machte das Vorwärtskommen schwer. Unter ›frohen‹ Weihnachten versteh ich was anderes, dachte Hauke und strampelte grimmig weiter.

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Um den Toten auf der Sitzbank hatte sich ein Kreis an Schaulustigen gebildet. Dorfpolizist Hauke Bruhns lehnte sein Fahrrad an einen Laternenmast und fummelte ein Taschentuch aus der Hosentasche hervor, um seine Brillengläser trockenzureiben.
»Wer ist der Tote?«, schnaufte er.
Dieter, ein Rentner aus dem Ruhrgebiet, der seit zehn Jahren zum Jahreswechsel auf den Stellplatz kam, antwortete mit einem Schulterzucken: »Na, sieht man doch. Der Weihnachtsmann!«
»Das kommt davon, wenn man die falschen Geschenke bringt«, witzelte Kurt aus dem Sauerland. Seine Frau Elke stieß ihm den Ellbogen in die Seite und warf ihm einen bösen Blick zu.
»Über Tote redet man nicht schlecht«, zischte sie.
Hauke bahnte sich einen Weg durch das Gedränge und beugte sich zu dem auf der Bank sitzenden Toten hinunter. Mit der Hand schob er vorsichtig den Rauschebart zur Seite und versuchte, den Puls an der Halsschlagader zu ertasten. Bei den Kollegen im Fernsehen sah das immer so einfach aus. In der Realität hatte Hauke nicht den blassesten Schimmer, wo genau er seine Finger anlegen sollte. Weil er die erwartungsvollen Blicke der Wartenden im Rücken spürte, richtete er sich auf und murmelte:
»Da ist wohl nichts mehr zu machen.«
Das Messer, das im Bauch des Toten steckte, ließ die gleiche Vermutung aufkommen.
»Was machen wir denn jetzt?«, jaulte Elke, die Frau des Sauerländers auf.
Der Dorfpolizist runzelte nachdenklich die Stirn. »Nun ja, ich nehme an … dass wir nach dem Täter suchen müssen.«
Gabi blickte sich ungeduldig um. »Sollten da nicht ein paar Kollegen von Ihnen kommen? Ich meine, ein Arzt …«
»Ein Arzt kann dem da auch nicht mehr helfen«, stellte Udo, der durch die frische Luft und den Schock schlagartig wieder nüchtern geworden war, fest.
Gabi ließ sich nicht beirren. »Wir brauchen die Spurensicherung. Und einen Fotografen, der alles hier in der Umgebung des Toten aufnimmt. Wenn es bis morgen weiterregnet, sind alle Spuren futsch.«
»Moment mal!« Dieter spurtete zu seinem Wohnmobil und kam mit einer Digitalkamera zurück. »Hab ich heute zu Weihnachten bekommen.«
Hauke Bruhns beäugte die Kamera und fühlte sich durch die vielen Knöpfe und Schalter gleich überfordert. Er hatte aufgehört zu fotografieren, als seine Polaroid Sofortbildkamera 1980 den Geist aufgegeben hatte.

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»Okay, dann machen sie halt ein paar Fotos«, gab er seine Zustimmung. Der Rentner legte sofort den Zeigefinger auf den Auslöser und feuerte eine ganze Batterie von Schnappschüssen ab.
»Trotzdem brauchen wir die Spurensicherung«, beharrte Gabi auf ihrem Standpunkt.
»Die stecken alle auf der A 31 fest. Vor Leer gibt es einen Großeinsatz. Das Technische Hilfswerk ist auch im Einsatz«, brummte der Dorfpolizist.
»Sollten wir nicht prüfen, wer in dem Weihnachtsmannkostüm steckt?«, schlug Peter, Gabis Ehemann, vor.
Hauke Bruhns seufzte innerlich. So genau wollte er das gar nicht wissen. Wehmütig dachte er an seinen Snirtjebraten, der inzwischen mit Sicherheit kalt war. Doch wenn die Pflicht rief, musste der Bauch zurückstecken. Hauke beugte sich zu dem Toten hinunter und streifte ihm vorsichtig die Mütze ab. Der Bart wurde durch ein Gummiband gehalten, das der Tote sich, als er noch zu den Lebenden zählte, über den Kopf gestülpt und in Nackenhöhe fixiert hatte. Hauke benötigte drei Versuche, bis er das Gummiband lösen konnte. Der Tote hatte einen ziemlichen Dickschädel.
»Au weia«, sagte der Sauerländer, als er das Gesicht des Toten erkannte. »Der Herr Platzwart.«
»Geschieht ihm recht!«, begann Hilde, die sich aus ihrem Kastenwagen zu den anderen gesellt hatte, zu schimpfen. »Dieser Korinthenkacker hat mir im letzten Jahr zweimal die doppelte Summe abgeknöpft. Nur weil ich den Platz fünf Minuten zu spät verlassen habe.«
»Uns hat er mit einem Platzverweis gedroht. Weil unsere Enkelin mit ihrem Bobby-Car in der Platzmitte herumgefahren ist«, erinnerte sich eine Camperin aus Ostwestfalen.
»Selbst im Sommer, bei über 30 Grad, durften wir die Markise nicht ausfahren«, meldete sich Kerstin zu Wort. »Dabei steht nirgendwo in der Platzordnung, die da drüben am Toilettenhäuschen aushängt, dass es verboten ist.«
»Der ist mir ein paarmal gefolgt, wenn ich zum Altglascontainer los bin und hat geschaut, ob ich die grünen Flaschen in den Container für Grünglas und die weißen in den für Weißglas gesteckt habe.« Hilde zog eine angewiderte Grimasse.
»Ein elender Spanner war das!«, erboste sich eine junge blonde Camperin, die als Single unterwegs war. »Ich hab den erwischt, wie er durch das einen Spalt geöffnete Badfenster gelinst hat. Als ich unter der Dusche stand.«
»Wie es aussieht, war der Riffke nicht gerade beliebt«, fasste Dorfpolizist Bruhns den Sachverhalt zusammen.
»Der hätte besser Raffke heißen sollen«, brummte Udo.
Hauke Bruhns schob seine Dienstmütze ein Stück nach hinten und rieb sich die Stirn, hinter der es dumpf zu pochen begann. Dann straffte er die Schultern. »Also wenn das so ist, haben Sie alle ein Motiv. Unter den Voraussetzungen könnte jeder einzelne von Ihnen der Täter oder die Täterin sein.«
Hilde schnaubte verächtlich. »Das meinen Sie doch nicht ernst!«
Dorfpolizist Bruhns zählte stumm alle vor ihm stehenden Camper zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass er die Hoffnung auf einen gemütlichen Heiligabend und die Rückkehr zu Inkas Snirtjebraten getrost vergessen konnte. Er setzte, wie er hoffte, eine gestrenge Miene auf.
»Sie gehen jetzt alle zurück in Ihre Wohnmobile und halten Ihre Ausweispapiere bereit. Ich komme dann zu jedem von Ihnen und führe eine Befragung durch.«
»Na denn, frohe Weihnachten!« Kurt, der Sauerländer, drehte sich auf der Stelle um, stürmte zu seinem Alkovenmobil und ließ die Tür knallen. Seine Frau Elke zuckte zusammen.
»Er meint es nicht so«, murmelte sie und schaute den Polizisten entschuldigend an.

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»Was ist eigentlich mit dem Messer?«, wollte Gabi wissen.
Hauke Bruhns sah sich gezwungen, einen zweiten Blick auf den Bauch des Toten zu werfen, aus dem ein knapp 15 Zentimeter langer Holzgriff ragte. Er schüttelte sich. »Das lassen wir besser stecken, bis Sören, der Bestatter, kommt. Aber der wird ebenfalls auf der A 31 beschäftigt sein.«
Gabi war in die Knie gegangen, um das Messer näher zu beäugen. »Sieht aus wie ein Tranchiermesser.«
»Wahrscheinlich hat ihn jemand mit der Weihnachtsgans verwechselt«, witzelte Dieter und schoss gleich ein paar Nahfotos.
»Warum steckt der Riffke überhaupt in diesem blöden Kostüm?«, wunderte sich Gabi. »Ich geh mal nicht davon aus, dass er uns zur Bescherung mit Geschenken aus seinem Sack beglücken wollte.«
»Pah!« Hilde zog verächtlich die Mundwinkel hinunter. »DER hätte nie freiwillig was hergegeben. DER hat immer geschaut, dass er irgendwo was findet, was er selbst gebrauchen kann.«
»Außerdem hat er gar keinen Sack dabei«, stellte Udo fest.
»Doch, hat er!«, widersprach ihm Gabi heftig. »Weil ich vor Schreck geschrien habe, ist Fridolin zuerst in Richtung Wohnmobil losgerannt. Dann hat er hinter der Ver- und Entsorgungsstation diesen Jutesack entdeckt. Was da drin steckt, muss ziemlich gut riechen. Ich hab Friedolin kaum loseisen können.«
»Himmel noch mal!«, knurrte Dorfpolizist Bruhns. »Warum hat mir das niemand gesagt?«
»Hab ich doch gerade!«, verteidigte sich Gabi.

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Hauke Bruhns eilte zur Ver- und Entsorgungssäule, hinter der tatsächlich der Sack des Weihnachtsmanns auf dem Boden lag. Schwerfällig kniete Hauke nieder und löste die rote Schleife. Schließlich stieß er einen langgezogenen Pfiff aus. »Sieh mal einer an!«
»Was ist drin?« Gabi trippelte vor Aufregung von einem Bein auf das andere.
»Ein dicker Wildschweinschinken. Und all die anderen Delikatessen, die für das morgige Weihnachtsfrühstück im Dorfgemeinschaftshaus vorgesehen waren.«
Hilde stemmte die Hände in die fülligen Hüften. »Sag ich doch! Nicht nur ein Ekel, sondern auch ein Dieb war er, der feine Herr Platzwart.«
»Aber was wollte er mit dem Schinken und all dem Rest?« Hauke Bruhns strich sich nachdenklich über das Doppelkinn.
»Verhökern? Oder selbst essen?«, vermutete Peter. »Auf diese Weise musste er keinen Cent für sein Weihnachtsessen ausgeben. Seine Beute hätte locker bis Neujahr gereicht.«
Hauke Bruhns wusste noch immer nicht, was er von der ganzen Geschichte halten sollte. »Dass der Riffke wie eine Elster klaut, das mag vielleicht angehen. Sein Vater ist als Wilderer mehrmals im Knast gelandet. Doch warum hat er sich die Mühe gemacht, sich zu verkleiden?«
»Ist doch logisch!« In Gabis Augen blitzte es triumphierend auf. »Heute Abend sind jede Menge Weihnachtsmänner unterwegs. Da fiel unser sauberer Herr Platzwart gar nicht auf. Konnte in aller Ruhe seine Diebesbeute zusammenklauben und nach Hause transportieren.
»Nur, dass er es nicht bis nach Hause geschafft hat«, stellte Peter richtigerweise fest. »Weil er vorher hier seinem Mörder begegnet ist.«
»Der ihm ein Messer in den feisten Wanst gerammt hat.« Hildes Stimme war bar jedes Mitleides.
Dorfpolizist Bruhns rieb sich nochmals das Kinn. »Ich frag mich, wo ich das Messer schon mal gesehen habe.«
»In der eigenen Küchenschublade?«, flachste Udo.
Der Dorfpolizist stutzte. Nein, das konnte nicht sein? Oder doch? Er griff zum Handy. Als er das Gespräch beendet hatte, war sein Gesichtsausdruck düsterer als der Sturmhimmel über dem Wattenmeer.
»Dieser miese Langfinger!«, stieß er hervor. »Der hat glatt Inkas bestes Tranchiermesser geklaut, das sie seit Ostern vermisst. Da haben wir mit den Nachbarn zusammen ein Spanferkel gegrillt. Der Riffke war zwar nicht eingeladen, ist aber trotzdem aufgetaucht. Wenn es was umsonst gab, war der ja immer fix zur Stelle.«
»Heißt das, dass Ihre Frau …?« Elke riss entsetzt die Augen auf.
Dorfpolizist Bruhns machte das Kreuz gerade. »Meine Inka tut keiner Fliege was zuleide!«
»Vielleicht hat er sich das Messer ja selbst in den Bauch gerammt«, meinte Gabi nachdenklich.

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»Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass der Riffke im Weihnachtskostüm über den Platz stapft und kurzerhand Harakiri begeht?« Udo schüttelte ablehnend den Kopf.
»Könnte ein Unfall gewesen sein«, gab Gabi zu bedenken.
»Aber warum läuft der hier mit gezücktem Messer rum?« Der alleinreisenden jungen Camperin lief ein kalter Schauder den Rücken hinunter.
Dieter schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Die Knoblauchwürste!«
»Welche Knoblauchwürste?«, fragten Gabi und Hilde wie aus einem Mund.
»Die ich im Hofladen von Bauer Pöltke gekauft habe. Reines Biofleisch, mit heimischen Wildkräutern verfeinert und kaltgeräuchert. Haben ein Schweinegeld gekostet. Aber zu Weihnachten kann man sich ja mal was gönnen. Nur der Erna, der haben die Würste zu streng gerochen. Deshalb hab ich sie hinten an der Leiter vom Wohnmobil aufgehängt. Und mit einer Plane vor dem Regen geschützt.«
»Was der Riffke mitbekommen hat.« Hilde schnaubte.
»Ich fasse es nicht!« Gabi trat vor Wut mit dem Fuß nach einem kleinen Kiesel und katapultierte ihn in die Grünanlagen. »Da schmeißt sich der Riffke in ein Weihnachtskostüm, packt das Messer, das er zu Ostern geklaut hat, in seinen Sack und plündert die Vorräte im Dorfgemeinschaftshaus. Im Anschluss schlendert er in aller Seelenruhe rüber zum Stellplatz und gibt vor, nach dem Rechten zu sehen. In Wirklichkeit klaut er dem Dieter seine Würste.«
Dieter, der sich derweil zum Sack hinuntergekniet hatte, hielt triumphierend sein Eigentum in die Höhe. »Da sind sie! Noch unversehrt.«

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Ein verlockender Geruch von geräuchertem Schweinefleisch und Knoblauch stieg auf. Dorfpolizist Bruhns Magen knurrte. Er schluckte schwer, um die aufsteigenden Magensäfte im Damm zu halten. Es gab Momente, in denen er wünschte, in der Schule besser aufgepasst und so einen schicken Job bei einer Bank oder Versicherung ergattert zu haben. Stattdessen stand er am Heiligabend in der Kälte und musste einen Mord aufklären.
»Was haben Sie zur Tatzeit gemacht?«, bellte er den verdutzten Dieter an.
»Na die Weihnachtsshow im Ersten geguckt«, empörte sich der Rentner. »Das machen die Erna und ich jedes Jahr.«
Dorfpolizist Bruhns seufzte. Er hatte Schwierigkeiten sich zu erinnern, wann er mit Inka den letzten ungestörten Fernsehabend verbracht hatte.
»Eins ist komisch«, meldete sich Gabi, die zur Sitzbank zurückgekehrt war, zu Wort. »Habt ihr die Stiefel gesehen?« Mit spitzen Fingern zog sie das rechte Hosenbein des Toten hoch.
Das Trüppchen um den Dorfpolizist setzte sich in Bewegung und reihte sich im Halbkreis um die Sitzbank.
»Ganz schön groß für so einen kleinen Mann«, bemerkte Udo. »Das ist mindestens Schuhgröße 46.«
»Wahrscheinlich hat er die Stiefel auch geklaut«, vermutete Hilde.
»Mann oh Mann oh Mann!« Hauke Bruhns wusste bald nicht mehr, wie ihm der Kopf stand. Der Fall wurde von Minute zu Minute verzwickter.
Gabi ließ das Hosenbein des Toten los und wischte sich die Finger an ihrer Jeans ab. »Könnte es nicht so gewesen sein?« Sie blickte nachdenklich in die Runde. »Der Riffke wollte sich ein schönes Fest machen. Aber ohne einen Euro dafür auszugeben. Also klaut er zuerst ein Weihnachtskostüm samt Stiefel. Dabei ist ihm wurscht, dass das Kostüm etwas zu klein, die Stiefel aber viel zu groß sind.«

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»Dem geklauten Gaul schaut man nicht ins Maul«, warf Udo grinsend ein.
Gabi grinste zurück. »Mit dem Sack über der Schulter stiefelt der Riffke los, holt sich die Vorräte aus dem Dorfgemeinschaftshaus und hat es danach auf Dieters Knoblauchwürste abgesehen. Die, wie der Riffke weiß, an einer dicken Schnur hängen.«
Dieter nickte. »Ich hab mir gedacht, sicher ist sicher.«
»Während der Riffke also hinten an Dieters Wohnmobil steht und an den Schnüren säbelt«, spann Gabi den gedanklichen Faden weiter, »wird er durch ein Geräusch aufgeschreckt.«
»Irgendeine Tür schlägt ja immer. Zu jeder Tages- und Nachtzeit«, brummte Elke und schaute anklagend in die Runde.
Gabi ließ sich nicht beirren. »Der Riffke schafft es, die Würste in den Sack zu stecken. Nun ist es allerhöchste Zeit zu verschwinden. Mit dem Messer in der Hand stürmt er davon. Kurz vor dem Toilettenhäuschen stolpert er wegen der zu großen Stiefel über seine eigenen Füße. Fällt und rammt sich dabei das Messer in den Bauch. Seht! Die Blutspuren hier, auf seinen Händen, weisen eindeutig darauf hin. Wahrscheinlich hat er noch versucht, das Messer rauszuziehen, …«
Die junge Camperin schluckte schwer und wandte den Blick ab.
»… ist aber vorher innerlich verblutet. Ende Gelände für unseren Platzwart«, schloss Gabi.
Peter schaute seine Frau anerkennend an. »Ich wusste gar nicht, dass du so eine Spürnase bist.«
Gabi zuckte mit den Schultern. »Dreißig Jahre ›Tatort‹ am Sonntagabend müssen ja ihre Spuren hinterlassen.«
Dorfpolizist Bruhns nahm die Schirmmütze ab und strich sich über die spärlich behaarte Kopfhaut. »Da könnte was dran sein. Da könnte durchaus was dran sein«, murmelte er.
Udo klopfte Gabi anerkennend auf die Schulter. »Gut gemacht, Frau Sherlock Holmes!«
Dieter schoss schnell noch ein Foto. Bei dem Gabi neben dem Toten stand.
»Zur Erinnerung«, entschuldigte er sich. »So ein aufregendes Weihnachtsfest werden die Erna und ich mit Sicherheit nur einmal erleben.«
Dorfpolizist Bruhns steckte sein Handy in die Jackentasche.
»Sören, der Bestatter, wird in einer knappen Stunde hier sein. Der nimmt den Riffke dann mit. Hat jemand von Ihnen eine alte Decke? Ich meine, ist ja kein schöner Anblick, wie der Riffke hier an Heiligabend so tot herumliegt.«
»Ich hab in der Heckklappe eine Decke, die ich zum Reparieren nehme. Damit ich es nicht so im Kreuz kriege, wenn ich auf dem nackten Boden liege«, bot Udo an. »Sind ein paar Ölflecken drauf, aber das wird den Riffke nicht mehr stören.«
Hilde blickte in die Runde. »Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Aber ich brauch auf den Schreck jetzt einen Schnaps!«
Die anderen nickten zustimmend. Hilde eilte in ihren Kastenwagen, von wo sie mit einer Flasche eisgekühlten Aquavit und Pappbechern zurückkehrte.
»Prost! Und frohe Weihnachten!«, stießen sie miteinander an.

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Dorfpolizist Bruhns schwang sich auf sein Fahrrad. Der Fall war zu seiner Erleichterung schneller gelöst worden, als er anfänglich vermutete hatte. Vielleicht wäre der Snirtjebraten im Ofen doch noch nicht vertrocknet. Hauke Bruhns trat kräftig in die Pedalen. Von der Dorfkirche hallte ihm das Läuten der Kirchenglocken entgegen.
»Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«, murmelte er.
Er konnte zufrieden mit sich sein. Und seine Inka wäre sicherlich höchst erfreut, endlich ihr Tranchiermesser zurückzubekommen.

Hiermit wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meines Blogs sowie allen Wohnmobilfreundinnen und – freunden ein frohes Weihnachtsfest und einen guten, gesunden Rutsch ins Neue Jahr. 

Wohnmobil-Weihnachtskrimi

(P.S.: Bei den Fotos habe ich mir diesmal Unterstützung bei Pixabay geholt.)

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4 Gedanken zu „Ein Wohnmobil Weihnachtskrimi

  1. Lieben Dank für deinen Kommentar. Freut mich, wenn du auch als nicht „Womo-Mensch“ beim Lesen Spaß hattest! Ach ja … Alle Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Handlungen, lebenden oder toten Personen sind von mir natürlich völlig frei erfunden…. LG

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